Association d’établissements économiquement indépendants pour personnes âgées
 
 
 
 
 
 
 

 

Achtung Schreibtischtat: Präventive Prävention
Es war einmal ein Alterszentrum, das seinen Bewohnerinnen und Bewohnern einen möglichst selbstbestimmten Lebensabend bieten wollte – und das noch heute tut. Denn gerade, wenn jemand auf Pflege und Betreuung angewiesen ist, erhalten Eigenständigkeit und Autonomie höchste Bedeutung. – Doch was heisst Selbstbestimmung genau? Und wann gilt es, die Autonomie eines Bewohners zu seinem Schutz einzuschränken? Dass hier die Vorstellungen von Pflegefachleuten sowie Krankenkassen und Behörden zuweilen weit auseinander gehen, zeigt diese Geschichte, die leider nicht dem Märchenbuch entstammt.

Die Suche nach den Schuldigen
Vor einiger Zeit wohnte im erwähnten Alterszentrum ein älterer Herr, dessen Kräfte langsam, aber stetig nachliessen. Auch zeigte er erste Anzeichen einer beginnenden Demenz. Das Zentrumsteam passte Betreuung und Pflege in Absprache mit den zuständigen Ärzten auf seinen Gesundheitszustand an und unterstützte und begleitete ihn sorgfältig.
Eines Tages verliess der betagte Herr trotz seiner zunehmenden Schwäche unbemerkt das Haus. Dabei passierte es: Er stürzte, verletzte sich und musste im Spital behandelt werden. Das Pflegeteam analysierte den Unfall ausführlich in einer Fallbesprechung. Wäre das Vorgefallene mit besonderen Vorkehrungen zu verhindern gewesen? Hätte der Radius des Herrn begrenzt werden müssen? Für das Team war klar: Eine solche präventive Einschränkung wäre absolut unverhältnismässig gewesen – schliesslich hatte der Mann bisher weder einen besonderen Bewegungsdrang noch eine Weglauftendenz gezeigt. Aufgrund seines schlechter werdenden Allgemeinzustands gab es keinerlei Hinweise, dass er sein Zimmer, die Etage oder das Pflegezentrum selbstständig verlassen könnte. Und selbstverständlich wurde der Herr eng betreut und in kurzen Abständen vom Pflegepersonal besucht.
Die gleichen Fragen wie das Pflegeteam stellte auch die Krankenkasse. Schliesslich musste sie – sofern das Zentrum korrekt gehandelt hatte – für einen Teil der Unfallkosten aufkommen. Der zuständige Regress-Spezialist machte sich deshalb auf die Suche nach einem möglichen Fehlverhalten. Das Alterszentrum musste ausführlich Stellung nehmen und sämtliche Unterlagen einreichen, welche die Pflege und Betreuung des Bewohners dokumentierten. Nach der akribischen Prüfung dieser Informationen kam der Spezialist zu einem anderen Schluss als das Alterszentrum. Sein Befund: Wäre der Herr rund um die Uhr begleitet worden, wäre der Sturz vermeidbar gewesen.

Prävention mit schlimmen Nebenwirkungen
Eine «Leibwache» zum Zweck der Unfallprävention?! Eine Forderung, über die man lieber nicht näher nachdenkt! Oder wie würden Sie sich fühlen, jemanden an Ihrer Seite zu haben, der jeden Ihrer Schritte überwacht und leitet – rund um die Uhr und auch dann, wenn Sie keine Unterstützung benötigen? Ja, Sie haben recht: Ein Alterszentrum ist kein Gefängnis. Das Bedürfnis, selbständig zu entscheiden und auch einmal alleine zu sein, nimmt nicht automatisch ab, nur weil man alt, schwach oder krank ist. – Doch auch finanziell ist die Idee ziemlich abenteuerlich: Wie würden sich die Pflegekosten wohl entwickeln, wenn alle Bewohnerinnen und Bewohner einen «Bodyguard» erhielten?
Am Ende sah die Krankenkasse ein, dass auch bei intensiver Betreuung nicht alle Gefahren beseitigt werden können. Das Alterszentrum atmete erleichtert auf – und wurde gleich darauf vom Kanton aufgefordert, die genau gleichen Dokumente einzureichen, die genau gleichen Fragen zu beantworten und ein weiteres Mal zu erklären, weshalb eine 24/7-Betreuung kein geeignetes Mittel ist, um Unfälle zu verhüten. Der administrative Aufwand war für das Alterszentrum gross, die unterschwelligen Anklagen für das Personal belastend. Schliesslich bestätigte aber auch der Kanton, dass sich das Pflegeteam richtig verhalten hatte – und übernahm wohl oder übel den vorgeschriebenen Kantonsanteil an den Unfallkosten.

Und die Moral von der Geschicht’?
Ohne unterschwellige Anklagen und -zig Stellungnahmen geht es nicht! Und manchmal wären ein bisschen mehr Realitätssinn und Augenmass in der Zusammenarbeit mit Krankenkassen und Behörden unglaublich entlastend.

Sache git’s, die git’s gar nit.

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